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Gerhard Jäger: "All die Nacht über uns" 

 

Roman, 240 Seiten, gebunden, Picus Verlag, CHF 32.90, ISBN 978-3-7117-2064-1

.....und plötzlich flattern Vögel auf, als hätte sie ein Schuss erschreckt. Der Soldat reisst den Kopf herum.........

Der Soldat; er steht in einer Nachtschicht auf einem Wachturm an der Grenze. Wo wird nicht gesagt, vermutlich an einer österreichischen Ostgrenze. Er hat den, der Flüchtlinge wegen neu gezogenen Grenzzaun zu bewachen, mit Schiessbefehl, bis um sieben in der Früh.

Der Soldat; mit ihm sind wir auf dem Turm, reisen durch die Nacht und auf seinen Nachtgedanken durch sein Leben, nicht chronologisch, eher angetupft, mal da mal dort, puzzleartig setzt es sich im Laufe der einsamen regnerischen Nacht zusammen zu einem Ganzen.

Nein, kein Ganzes, am Leben, an seinem Leben ist nichts Ganz. Eher ist es eine Ansammlung von Zugefallenem. Und, vor allem von Weggefallenem.

Der Soldat ist Soldat, weil die Kaserne die örtlich nächstliegende Arbeitsmöglichkeit war. Er gestaltet sein Leben nicht, er lässt es geschehen. Im Verlauf dieser Nacht sieht er zunehmend schärfer, wird es ihm klar.

Der Soldat, die Frau, der Sohn, die Mutter, der Vater, die Grossmutter. Sie bevölkern seine Welt. Sie heissen wie ihre Funktion, wie auch der Soldat nur Soldat heisst, wie auch die Grenze nur die Grenze ist.

Es ist nicht die Geschichte eines Besonderen. Es ist die Geschichte eines äusserlich unauffälligen Lebens. Es ist auch die Geschichte eines Stillen, eines nicht Erwähnenswerten, der hilflos glücklichen wie tragischen, nicht alltäglichen Einschnitten ausgeliefert ist.

 

Oft, wenn ich in der Bahn sitze oder durch Strassen gehe, bin ich überwältigt, von den vielen möglichen Lebensgeschichten die um mich sitzen, an mir vorbeigehen. Unerkannt. Was weiss man schon.

 

Diese ist eine davon. Keine Lustige, aber erzählt mit einer einsaugenden Dringlichkeit, auch wenn Jäger für meinen Geschmack manchmal zu deutlich wird, ausformuliert, wo doch schon alles zwischen den Zeilen stünde.
Das kann dem Leseerlebnis jedoch wenig antun.

Ein packendes Erlebnis ist das Lesen dieser Geschichte auf jeden Fall. Und nachdenklich macht sie auch..........

 

Das Thema?
Flucht. Flucht aus lebensbedrohlich gewordenen Heimaten. Flucht vor dem eigenen Leben. Flucht vor Verantwortung, vor Entscheidung.
Die Geschichte stellt Fragen. Antworten müssen wir selber, das, zum Glück nimmt es uns nicht ab.

 

Copi Remund